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Wenn die Gesellschaft Amok läuft

Hallo?

Was hab ich eigentlich verpasst?

Die Politik macht es sich zu einfach, wenn sie denkt sie könnten durch Verbote auch nur irgendetwas verhindern. Jemand, der unbedingt andere Menschen töten will, braucht keine Anleitung aus Computerspielen.

Es ist nunmal Tatsache, dass es in Deutschland ein gesellschaftliches Problem gibt. In Ausnahmefällen gibt es Überreaktionen, aber das hat nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun. Von geschätzten drei Millonen Counterstrike-Spielern haben jetzt zwei durchgedreht. Das sind 0,000067 % der Spieler, ein unheimlich kleiner Anteil.

Die Frage ist doch: Weshalb neigen solche Amokläufer eigentlich zu Spielen in denen Gewaltfantasien bedient (aber nicht hervorgerufen) werden?

Die Antwort ist ganz einfach: Weil sie keinerlei soziale Bindungen haben. Wenn Computerspiele die einzige Verbindung zur Außenwelt sind, wenn keinerlei Selbstwertgefühl, kein Selbstvertrauen da ist, dann versuchen diese – seelisch verarmten – Menschen es sich irgendwie zu holen.

Sie werden dann vielleicht sogar in ihrem Spiel erfolgreich. Aber jeden Tag, wenn sie in die Schule, unter „normale Menschen“, gehen, werden sie damit konfrontiert, dass es andere gibt, die besser sind als sie. Die beliebter sind. Menschen, die auch von anderen Mitmenschen ernstgenommen werden. Menschen, über die nicht gelacht wird. Jungs, die von Mädchen angelächelt werden.

Das alles kann ein vereinsamter Amokläufer nicht haben. Er weiß, dass diese Anerkennung das ist, was er will. Weil er nicht angelächelt werden kann, will er, dass die Leute Angst vor ihm haben. Eine Ersatzbefriedigung. Er zieht sich schwarz an. Immer die Sonnenbrille auf. Das soll nicht cool, das soll böse aussehen. So wie im Film oder im Spiel.

Bald merkt dieser kleine Geist aber: Ich bin überhaupt nicht so cool wie die im Film. Vor allem wenn ich im Winter oder bei strömendem Regen noch immer mit der Sonnenbrille auf der Nase herum laufe. Und jetzt sind wir beim zentralen Problem dieser Amokläufer: „Ich“. Sie sind auf sich fixiert. Ihr gesellschaftliches Umfeld existiert aus einem Grund: Für ihn, um ihm zu huldigen. Er sieht sich als Oberzampano, als der, der alle Fäden in der Hand hat.

Doch er muss bemerken, dass seine Macht begrenzt ist. Und zwar auf die vier Wände in denen er meistens sitzt und in dem Kasten vor dem er meistens sitzt.

Gibt es für dieses Problem, für diese Probleme eine Lösung? Keine einfache. Soziale Bindungen stärken ist bei Menschen, die sich völlig abschotten nicht möglich. Eine soziale Integration von klein auf ist wichtig. Aber alle anderen Faktoren sind private. Das Verbieten von „Killerspielen“ (was übrigens für 90% der gemeinten Spiele eine wenig zutreffende Beschreibung ist) wird bei diesem Problem genauso wenig helfen wie ein NPD-Verbot bei der Bekämpfung von rechtsradikalem Gedankengut helfen würde. Doch dort würden wenigstens die Symptome bekämpft werden.

Update: Die FTD und deren Autor Kai Beller sieht das ähnlich: „Amoklauf gegen ‚Killerspiele‘“

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